Das Thema Familienplanung wurde mit der Diagnose ALS frühzeitig aufgegriffen. 
Wir hatten uns gerade erst im September 2011 kennen gelernt. Daniela hatte ihr Studium in Lausanne beendet und bei der KAPO Aargau eine Stelle erhalten. Um in der neuen Umgebung Leute kennen zu lernen, entschied sie sich einem Verein beizutreten. Da sie früher einmal Volleyball gespielt hatte, war es naheliegend, dass sie sich beim BTV Aarau Volleyball meldete. 
Ich war seit 1991 als Trainer beim BTV Aarau tätig und hatte zu diesem Zeitpunkt das Team unter meiner Leitung, zu welchem Daniela dazustiess. Bis zum Frühjahr 2013 entwickelte sich die Bekanntschaft zu einer Beziehung. 
Im Frühjahr 2013 rang ich mich zu einem Arzttermin durch, nachdem ich Ende 2012 vereinzelt, kurzzeitig die linke Hand ein Taubheitsgefühl entwickelte und sich dies zunehmend wiederholte und mich zuletzt zum Trainingsabbruch zwang. 
Die darauf folgenden Untersuchungen mündeten im Oktober 2013 in der ersten Diagnose "vermutlich ALS". Die daraus zu erwartenten Veränderungen deuteten einen massiven Einschnitt für unsere gemeinsame Zukunft an. 
Daniela ist 16 Jahre jünger und war zu diesem Zeitpunkt in ihrem 27. Lebensjahr. Wir waren erst am Anfang unserer Beziehung und vor uns zeichnete sich ein schwieriger Weg ab, nicht nur für mich, sondern auch für Daniela als Partnerin. Deshalb war es für mich sofort klar, dass ich ihr eine Ausstiegsmöglichkeit aus der Beziehung anbieten wollte. Es schien mir nicht richtig, irgendwelche Erwartungshaltungen zu beanspruchen. 
Wir hatten zeitnah ein Gespräch, bei dem wir die Situation und die möglichen Entwicklungen anschauten. Hierbei eröffnete ich ihr auch die Option die Beziehung aufzulösen, ohne das irgendwelche Schuldgefühle aufkommen müssten. Sie sollte nicht ihre besten Jahre damit verbringen, einen schwer kranken Partner zu begleiten und mitten im Leben bereits eine schmerzhafte Erfahrung durchmachen. 
Ich war sehr positiv überrascht, als Daniela sich ohne langes Zögern für den gemeinsamen Weg entschied. Es erfüllte mich mit sehr viel Freude. Ich liess sie jedoch wissen, dass sie ihre Entscheidung ohne Bedenken in den kommenden Wochen ändern dürfe. 

Von unserer Ärztin wussten wir, dass diese Krankheit einen linearen Verlauf hat und man somit nach einem Jahr ärztlicher Begleitung einen ungefähren Anhaltspunkt, über den zu erwartenden Zeithorizont, hat. So führten wir im Laufe dieses Jahres auch Gespräche bezüglich heiraten und der Sinnhaftigkeit eines Kinderwunsches.Gegen eine Heirat hatte nichts gesprochen und so fokussierten sich die weiteren Gespräche auf das Thema Kinderwunsch. Hierfür zogen wir auch meine Ärztin bei, um zu erfahren, ob es denn Erfahrungswerte von anderen Familien gab. Unser Vorhaben war, ihres Wissens nach soweit einmalig, doch es gab Betroffene, welche bereits Kinder hatten. Aus diesen Familien hatte sie bislang keine nachteiligen Informationen erhalten. Sie erklärte uns, dass auch aus anderen einschneidenden Lebenssituationen die Erfahrung gemacht wurde, dass Kinder, welche in solchen Umständen von klein auf aufwachsen, diese Situation weder als unnatürlich, noch als belastend wahrnehmen. 
Der für uns herausfordernste Punkt war, wie würde ein Kind mit dem potentiellen frühen Verlust eines Elternteiles umgehen. Dies konnten wir nicht wirklich abschliessend beantworten, doch aufgrund der einjährigen Referenzzeit waren die Aussichten auf 5 Jahre und mehr sehr wahrscheinlich. Meine persönliche Einschätzung, aus rein technischer Natur, führte mich zur Überzeugung, dass 10 Jahre durchaus realistisch sein können. Wir waren überzeugt, dass unser soziales Umfeld die notwendige Unterstützung bieten würde und unsere Eltern wohnten in der näheren Umgebung. In diesem Jahr nahm ich auch an einer ALS Studie in Schweden teil, woraus wir als Resultat die Information erhielten, ob ich die erbliche Variante habe oder nicht. Nachdem sich herausstellte, dass ich keine erbliche Variante habe, fiel die Entscheidung für ein Kind. 

Wir planten unsere Hochzeit für September 2014. Wir waren uns einig, nur standesamtlich zu heiraten, da für uns beide eine kirchliche Hochzeit keine tiefere spirituelle Bedeutung hat. Wir wollten unsere finanziellen Möglichkeiten vollumfänglich für eine ausgedehnte Hochzeitsreise einsetzen und so die eine oder andere Wunschdestination gemeinsam und ohne krankheitsbedingte Einschränkungen erleben. Unsere 10 wöchige Reise führte uns nach Singapore, zum Verwandtenbesuch auf den Philippinen, zum Spaziergang auf der chinesischen Mauer, zum Sushi Essen nach Japan, zu einer abenteuerlichen Rundreise in Thailand, zum Besuch guter Freunde in Australien, um dann abschliessend auf einer Kreuzfahrt die Karibik kennen zu lernen. 
Mit dem Kinderwunsch im Hinterkopf legten wir fest, dass eine Schwangerschaft erst ab Thailand eintreten darf, um unsere Reise nicht unnötig zu erschweren. In Australien empfand Daniela die Notwendigkeit eines Schwangerschaftstestes, welcher dann positiv ausfiel. Wie sich im Nachhinein beim Gynäkologen herausstellte, hatten wir unsere Planung perfekt umgesetzt, denn Melissa ist ein Thailand-Kind. 

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Die Schwangerschaft verlief relativ problemlos, ausser das der heisse Sommer Daniela hie und da zusetzte.

Donnerstagabend 27. August 2015, ich hatte gerade das Training beendet und war mit dem Team noch auf ein Getränk im Gartenrestaurant, da klingelte das Telefon und es war Zeit, den Weg ins Spital anzutreten.
Wir trafen um ca. 23.00 Uhr ein und bereits um 03.23 Uhr konnte ich einen Tag vor meinem Geburtstag mein schönstes Geburtstagsgeschenk in die Arme nehmen. ​​​​​​​
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Melissa war von Beginn weg ein lebendiges Kind und hielt uns manchmal ganz schön auf Trab. Da mein Krankheitsverlauf sehr langsam war, konnte ich Melissa zu Beginn noch in die Arme nehmen, sie im Babybjörn herumtragen oder auf dem Boden mit ihr spielen. Die einsetzende Schwäche in der linken Hand und den Fingern führte dazu, dass ich Melissa beim Wickeln nicht gleichzeitig ruhig halten und ihr die Windel anlegen konnte. Somit ergab sich die klare Aufgabenzuteilung: ich spielte den Clown, um Melissa abzulenken, während Daniela sie wickelte. 
Wir hatten uns in den ersten zwei Jahren eine gute Arbeitseinteilung einrichten können, dass Daniela genügend Ruhe- und Schlafenszeit finden konnte, trotz meiner arbeitsbedingten Abwesenheit und fortschreitenden Einschränkungen. So nutzten wir beispielsweise unser grosses Stillkissen als Unterlage für meine Arme, damit ich Melissa, trotz fehlender Kraft, die Flasche geben oder sie im Arm halten konnte. Nach dem Nachtessen bekam Melissa nochmals die Brust und ich trug sie danach bis Mitternacht im Babybjörn. Dies verschaffte Daniela eine vierstündige Schlafpause am Stück. Danach konnte ich mich ins Bett legen, um am nächsten Tag zur Arbeit gehen zu können. 
Dies funktionierte sehr gut und auch der Umstand, dass wir Melissa von Beginn weg an einen mehr oder weniger fixen Essensrhythmus gewöhnten, ermöglichte es uns einen entspannteren Tages- und Nachtablauf zu haben, mit planbaren Ruhezeiten. 

Ende September 2017 kam meine Mobilität zur ersten grossen Einschränkung, mit der Rückgabe des Führerausweises. Ende März des darauffolgenden Jahres kam das definitive Ende meines Arbeitslebens und die Zeit als Rentner begann. Was ich mir Jahre zuvor so nicht vorstellen konnte, entpuppte sich im Nachhinein als "Glücksfall". Ich kenne niemanden, der das Glück hatte, soviel Zeit mit seinem Kind verbringen zu können, und sich so aktiv an der Entwicklung beteiligen zu können.

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Unsere Ärztin hatte uns bei der Diagnoseeröffnung nahe gelegt, alle unsere Pläne möglichst zeitnah umzusetzen. Deshalb entschieden wir, unseren Möglichkeiten entsprechend, ein bis zwei grosse Reisen pro Jahr durchzuführen.
Mit der Geburt von Melissa passten wir unsere Reisetätigkeiten an, denn wir wollten Melissa soweit möglich mit dabei haben. Für zwei geplante Kreuzfahrten konnten wir Melissa bei meiner Schwester bzw. meinen Schwiegereltern in die Ferien geben. 
Im Alter von 20 Monaten wagten wir unsere erste Flugreise mit Melissa, welche uns nach Indonesien führte. Da ich bereits etwas mehr Unterstützung benötigte, begleitete uns Danielas Schwester, um uns mit Melissa zu entlasten.
Da diese längere Flugreise mit Melissa problemlos verlief, ging es Ende 2017 zum Besuch ihrer zweiten Taufpatin in Australien. Im ersten Teil der Reise waren wir zu Dritt in der Umgebung Perth mit dem Auto unterwegs. Danach flogen wir nach Sydney, um mit unseren guten Freunden Weihnachten und Neujahr zu feiern. 

Im Folgejahr wussten wir, dass Melissa das Reisefieber von uns geerbt hatte. So führten uns die diesjährigen Ferien zuerst auf einen vierwöchigen Roadtrip durch Californien inkl. Handrollstuhl im Gepäck. Zur Unterstützung begleitete uns eine unserer Assistentinnen.
Für Melissas dritten Geburtstag waren wir zusammen mit Danielas Schwester und ihrer Familie auf einer Mittelmeerkreuzfahrt. 

2019 verbrachten wir unsere Ferien auf Zypern, erstmals mit dem Elektrorollstuhl im Gepäck. Der Transport verlief fast reibungslos und die Entlastung für Daniela vor Ort, keinen Handrollstuhl schieben zu müssen, war deutlich spürbar. Diesmal war die Schwiegermutter mit dabei, um Melissas Tatendrang im Zaum zu halten. 

Unsere vorerst letzte Reise brachte uns Anfang 2020 zuerst auf die Philippinen, um unsere Verwandten zu besuchen. Es war mir wichtig, dass ich Melissa bei den Verwandten vorstellen konnte. Auch auf dieser Reise wurden wir von einer Assistentin unterstützt. 
Im Anschluss flogen Daniela, Melissa und ich noch nach Thailand, um gemeinsam Badeferien zu geniessen, bevor wir nach Hause kamen und vom Coronavirus in Quarantäne verbannt wurden.

Seit 2017 wurde es uns bewusst, dass eine Reisebegleitung notwendig ist, um entspanntes Reisen zu gewährleisten. Mit der Einführung des Assistenzmodelles mussten wir lernen, dass Assistenzpersonen oftmals ein erweitertes Familienmitglied darstellen. Mit der Unterstützung auf Reisen hat dies eine neue Dimension erreicht, da man hier einerseits rund um die Uhr zusammen ist und andererseits die Reisekosten für die Assistenten selber getragen werden müssen. 

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